Digitaler Franken und Bitcoin: Was kommt da auf uns zu?
Programmierbares Geld mit Ablaufdatum, Konten direkt bei der Zentralbank, totale Nachverfolgbarkeit jeder Zahlung — das ist keine Theorie. Es wird weltweit bereits getestet. Was das für die Schweiz bedeutet, und warum Bitcoin plötzlich anders aussieht.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- CBDC = digitales Geld direkt bei der Zentralbank, nicht bei der Hausbank — jede Transaktion an einem Ort sichtbar
- Programmierbares Geld = Geld mit Ablaufdatum oder geografischer Einschränkung — bereits in China und Thailand getestet
- SNB testet seit 2020 unter dem Namen Projekt Helvetia einen digitalen Franken — aktuell nur für Banken, nicht für Privatpersonen
- TA-SWISS-Studie (April 2025) bestätigt: programmierbares Geld stellt die Privatsphäre grundsätzlich infrage
- Bitcoin = strukturelles Gegenteil einer CBDC — dezentral, begrenzt auf 21 Millionen Einheiten, nicht konfiszierbar bei Selbstverwahrung
- Risiken Bitcoin: extreme Preisschwankungen, kein Einlegerschutz, hoher Energieverbrauch
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Stell dir vor, dein Geld hat ein Ablaufdatum. Oder es funktioniert nur in einem bestimmten Umkreis deines Wohnorts. Das klingt nach Dystopie — aber genau solche Systeme wurden in den letzten Jahren bereits getestet. China hat es gemacht, Thailand hat es geplant. Und die Schweizer Nationalbank arbeitet ebenfalls an einer Form von digitalem Zentralbankgeld. Es ist höchste Zeit, nüchtern hinzuschauen, was das bedeutet — und welche Alternativen es gibt.
Was ist ein digitaler Franken — und wo steht die Schweiz heute?
Nicht jedes "digitale Geld" ist dasselbe. Wenn man heute mit Twint oder Kreditkarte zahlt, bewegt man Buchgeld — Geld, das auf einem Konto bei einer Geschäftsbank liegt. Ein digitaler Zentralbankfranken (auf Englisch: CBDC, Central Bank Digital Currency) wäre etwas grundlegend anderes: Das Konto würde direkt bei der Schweizer Nationalbank geführt, nicht bei der Raiffeisenkasse oder der ZKB.
Die SNB forscht seit 2020 unter dem Namen Projekt Helvetia an dieser Technologie. Aktuell geht es aber ausschliesslich um ein System für Banken untereinander — eine sogenannte Wholesale CBDC. Im Juni 2025 verlängerte die SNB das Projekt Helvetia bis mindestens 2027 und prüft dabei auch neue Abwicklungswege über den sogenannten RTGS-Link. Für die Bevölkerung ist noch nichts geplant. Die SNB ist derzeit der Auffassung, dass die Einführung eines digitalen Schweizer Frankens für die meisten Menschen keinen Zusatznutzen bringen würde — und verweist auf das bereits gut funktionierende Zahlungssystem.
Doch wer den Blick über die Landesgrenzen richtet, sieht: Die Richtung weltweit ist eine andere. China hat seinen digitalen Yuan schon für Privatpersonen eingeführt, mit über 260 Millionen Nutzern in Pilotregionen. Die EU arbeitet aktiv am digitalen Euro. Die Frage ist also nicht ob, sondern wann und unter welchen Bedingungen digitales Zentralbankgeld auch in der Schweiz breit eingeführt werden könnte.
Das eigentliche Problem: Programmierbarkeit und totale Transparenz
Das Unbehagen gegenüber digitalem Zentralbankgeld hat nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun. Es hat mit zwei konkreten Eigenschaften zu tun, die solches Geld von allem bisherigen unterscheiden.
Erstens: vollständige Nachverfolgbarkeit. Heute sind Finanzdaten verteilt. Die Raiffeisenkasse sieht, was man am Bancomaten bezieht. Visa sieht die Kreditkartenzahlungen. Twint sieht nur die Twint-Überweisungen. Und wer bar zahlt, ist gar nicht sichtbar. Bei einem digitalen Zentralbankfranken ohne Bargeld würde alles an einem einzigen Ort zusammenlaufen: bei der Zentralbank. Jeder Kaffee. Jede Spende. Jeder Einkauf.
Zweitens: programmierbares Geld. Das bedeutet, dass Geld technisch so eingestellt werden kann, dass es nur für bestimmte Zwecke ausgegeben werden darf — oder automatisch verfällt, wenn es bis zu einem Datum nicht verwendet wurde. Lokale Behörden in China haben genau das bereits praktiziert: digitale Konsumgutscheine mit Ablaufdatum, die verschwanden, wenn sie nicht innerhalb weniger Wochen ausgegeben wurden. In Thailand hat die Regierung 2023 ein Programm geplant, bei dem digitales Geld nach sechs Monaten verfiel und nur innerhalb von vier Kilometern vom Wohnort ausgegeben werden konnte. Die Idee wurde später abgeschwächt und 2025 eingestellt — aber sie zeigt, was technisch möglich ist und ernsthaft erwogen wird.
Eine umfassende TA-SWISS-Studie, die Ende April 2025 veröffentlicht wurde, bestätigt grundlegende Datenschutzbedenken: Die einfache Nachverfolgbarkeit programmierbaren Geldes stellt die Privatsphäre der Bevölkerung grundsätzlich infrage.
Bitcoin: Das Gegenteil von digitalem Zentralbankgeld
Genau in diesem Kontext ist Bitcoin interessant — nicht primär als Spekulationsobjekt, sondern als Gegenmodell. Bitcoin entstand 2009, kurz nach der Finanzkrise von 2008, unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto. Die Grundidee: ein digitales Geld, das ohne Zentralbank und ohne Staat auskommt.
Zwei Eigenschaften machen es zum strukturellen Gegenteil einer CBDC. Erstens: Fälschungs- und Enteignungssicherheit. Jede Bitcoin-Transaktion wird auf einer öffentlichen Liste festgehalten — der Blockchain —, von der es Tausende identische Kopien gibt. Manipulation ist durch den Konsens des Netzwerks ausgeschlossen. Niemand kann einem Bitcoin wegnehmen oder sperren, kein Staat, keine Bank — vorausgesetzt, man verwahrt ihn selbst. Zweitens: begrenztes Angebot. Es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben. Diese Zahl ist im Code verankert und kann nicht geändert werden. Das macht Bitcoin strukturell inflationsresistent — anders als Fiatwährungen, bei denen Zentralbanken jederzeit mehr Geld drucken können.
Natürlich hat Bitcoin auch handfeste Schwachstellen. Die Preisschwankungen sind extrem: Einbrüche von 50 bis 70 Prozent innerhalb weniger Monate sind keine Seltenheit. Es gibt keinen Einlegerschutz, keine Hotline, keinen Kundendienst. China hat Bitcoin verboten. Und der Energieverbrauch des Bitcoin-Netzwerks liegt bei rund 200 Terawattstunden pro Jahr — vergleichbar mit dem Jahresverbrauch von Polen. Befürworter halten dagegen, dass KI-Rechenzentren diesen Verbrauch bis 2030 um ein Vielfaches übertreffen werden, ohne dass darüber eine vergleichbare Debatte geführt wird.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Die SNB hat heute keine Pläne für einen digitalen Franken für Privatpersonen. Das ist eine klare und beruhigende Aussage. Trotzdem wäre es naiv, die globale Entwicklung zu ignorieren. Was in China und Thailand bereits getestet wurde, definiert den technischen Möglichkeitsraum — nicht den Schweizer Sonderfall.
Wer sich mit dem Thema auseinandersetzt, sollte zwischen zwei Fragen unterscheiden: Was ist ein digitaler Franken heute? Und was könnte er werden, wenn politische Rahmenbedingungen sich ändern? Die Technologie ist neutral. Was damit gemacht wird, hängt von denjenigen ab, die sie kontrollieren.
Bitcoin ist in diesem Zusammenhang kein Allheilmittel und erst recht keine sichere Geldanlage. Aber es ist das einzige digitale Gut, das strukturell ausserhalb staatlicher Kontrolle liegt — und das genau deshalb in einer Zeit, in der die Kontrolle über Geld zunehmend ausgebaut wird, von vielen neu bewertet wird.