Woher kommt die Energie der Schweiz wirklich?

Die Schweiz produziert einen Grossteil ihres Stroms selbst. Doch beim Öl und Gas ist sie vollständig auf Importe angewiesen. Was das im Kontext des Iran-Kriegs wirklich bedeutet.

Woher kommt die Energie der Schweiz wirklich?

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Die Schweiz ist bei Erdöl und Erdgas vollständig auf Importe angewiesen
  • Strom produziert die Schweiz grösstenteils selbst — vor allem dank Wasserkraft und Kernenergie
  • Engstellen wie die Strasse von Hormus können die Versorgung indirekt belasten — durch steigende Preise, nicht durch sofortige Lieferunterbrüche
  • Die Schweiz verfügt über Pflichtlager für Erdölprodukte mit einer Reichweite von rund 4,5 Monaten
  • Die einzige aktive Raffinerie der Schweiz steht in Cressier im Kanton Neuenburg
  • Benzin kostete Anfang 2026 noch rund 1.65 Franken pro Liter — aktuell sind es bereits rund 1.87 Franken

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Wenn irgendwo auf der Welt Krieg ausbricht, dauert es nicht lange, bis die Frage auftaucht: Was bedeutet das für uns? Beim Iran-Krieg ist diese Frage berechtigt — denn er trifft die Welt dort, wo es wehtut: bei der Energie. Australien kämpft mit leeren Tankstellen, auf den Philippinen wurde ein nationaler Energienotstand ausgerufen, in Deutschland werden Notfallmassnahmen diskutiert. Was ist mit der Schweiz? Wie abhängig ist sie wirklich?

Die Antwort ist differenzierter, als viele vermuten.

Strom ist nicht alles — der Energiemix der Schweiz

Wer in der Schweiz über Energie nachdenkt, denkt meistens zuerst an Strom. Das ist verständlich, aber unvollständig. Erdöl — also Benzin, Diesel und Heizöl — macht nach wie vor den grössten Block im Schweizer Energieverbrauch aus. Es treibt den Strassenverkehr an und heizt einen erheblichen Teil der Gebäude. Der Strom kommt an zweiter Stelle: Er versorgt Haushalte, Industrie und Dienstleistungen. An dritter Stelle steht Erdgas, das vor allem zum Heizen und in industriellen Hochtemperaturprozessen eingesetzt wird — etwa in der Stahl- oder Zementproduktion. Daneben gibt es kleinere Anteile aus Holz, Fernwärme und Biogas.

Das Entscheidende: Diese Energieformen sind nicht einfach austauschbar. Ein Benzinmotor läuft nicht plötzlich mit Solarstrom. Eine Gasheizung wechselt nicht auf Knopfdruck auf Wärmepumpe. Die Abhängigkeit von einem bestimmten Energieträger ist deshalb kurzfristig kaum zu verändern — egal, was politisch beschlossen wird.

Was die Schweiz selbst produziert

Bei der Stromproduktion steht die Schweiz vergleichsweise gut da. Zwei Säulen tragen das System.

Die erste und wichtigste ist die Wasserkraft. Grosse Speicherkraftwerke in den Alpen — bekanntes Beispiel ist die Grande Dixence im Wallis — halten Wasser zurück und produzieren es bei Bedarf in Strom um. Dazu kommen Flusskraftwerke an Gewässern wie der Aare. Diese Kombination macht die Wasserkraft seit Jahrzehnten zum Rückgrat der inländischen Stromproduktion.

Die zweite Säule ist die Kernenergie. Aktiv am Netz sind heute noch Beznau 1 und Beznau 2Gösgen und Leibstadt. Das Kernkraftwerk Mühleberg wurde Ende 2019 stillgelegt. Kernenergie liefert einen grossen, stabilen Anteil am Schweizer Strom — unabhängig von Tageszeit, Jahreszeit oder Wetterlage. Nach aktueller Betreiberplanung soll Beznau 2 bis 2032 und Beznau 1 bis 2033 laufen, Leibstadt mindestens bis 2045. Für Gösgen ist kein festes Enddatum öffentlich bekannt.

Neue Kernkraftwerke sind derzeit nicht konkret geplant, obwohl politisch versucht wird, das Neubauverbot im Kernenergiegesetz Art. 12a von 2018 zu lockern. Aktuell hat der Bundesrat dazu einen indirekten Gegenvorschlag zur sogenannten «Blackout stoppen»-Initiative präsentiert, der das Neubauverbot aufheben würde.

Solarenergie wächst sichtbar, vor allem durch Photovoltaikanlagen auf Dächern von Wohn- und Gewerbegebäuden. Im Vergleich zu Wasser- und Kernenergie bleibt ihr Anteil aber noch deutlich kleiner. Windenergie spielt in der Schweiz bisher eine Nebenrolle: Die bekanntesten Anlagen stehen im Berner Jura, auf dem Mont-Crosin und dem Mont-Soleil, wo die BKW mit JUVENT den grössten Windpark der Schweiz betreibt. Zahlreiche Projekte stecken in langen Bewilligungsverfahren.

Laut dem Bundesamt für Energie setzt sich der inländische Strommix ungefähr so zusammen: Wasserkraft rund 15,9 Terawattstunden, Kernenergie rund 7,6, Solar rund 2,0, Thermisch rund 1,2, Wind rund 0,05 (Schweizerische Elektrizitätsstatistik 2024).

Vollständige Importabhängigkeit bei Öl und Gas

Bei Erdöl und Erdgas sieht es ganz anders aus. Die Schweiz verfügt über keine wirtschaftlich nutzbaren Vorkommen im Boden. Sie ist vollständig auf Importe angewiesen.

Bei den Erdölprodukten kommen rund 75 Prozent bereits als fertige Produkte — Benzin, Diesel, Heizöl — aus europäischen Raffinerien in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Das dort verarbeitete Rohöl stammt ursprünglich aus verschiedenen Förderländern wie den USA, Norwegen, Kasachstan, Nigeria oder Libyen. Der früher bedeutende Anteil aus Russland ist aus politischen Gründen stark zurückgegangen. Die verbleibenden rund 25 Prozent kommen als Rohöl direkt in die Schweiz, wo die Raffinerie Cressier — die einzige aktive Raffinerie des Landes, im Kanton Neuenburg — es zu Benzin, Heizöl und Diesel verarbeitet.

Beim Erdgas lässt sich die genaue Herkunft oft nicht mehr bestimmen. Das Gas wird im europäischen Pipelinenetz gehandelt, gemischt und weiterverteilt. Wichtige Lieferländer für Europa sind Norwegen, Algerien, Aserbaidschan sowie die USA und Katar über Flüssigerdgas (LNG). Laut dem Branchenverband Gasbranche Schweiz lässt sich für den Einzelfall keine eindeutige Herkunft festlegen.

Beim Strom ist die Ausgangslage für die Schweiz besser. Übers ganze Jahr gesehen produziert sie einen grossen Teil selbst. Im Winter gibt es aber regelmässig Situationen, in denen Strom importiert werden muss. Die Schweiz ist deshalb eng mit den Netzen der Nachbarländer Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verbunden.

Was der Iran-Krieg konkret bedeutet

Der Effekt des Iran-Kriegs auf die Schweizer Versorgung ist bislang nicht ein Ausfall von Lieferungen, sondern ein Preisanstieg. Laut Daten des TCS kostete ein Liter Bleifrei Anfang 2026 noch rund 1.65 Franken — aktuell sind es bereits rund 1.87 Franken.

Die Ursache liegt vor allem in zwei Engstellen: der Strasse von Hormus, durch die ein grosser Teil des weltweiten Öl- und Gashandels läuft, sowie dem Rückgang der Flüssiggaslieferungen aus Katar. Durch die Sperrung der Strasse von Hormus wird schätzungsweise ein Fünftel des weltweiten Öl- und Gastransports verschifft.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung beurteilt die Versorgung der Schweiz mit Benzin, Diesel und Heizöl als voraussichtlich bis Ende Mai 2026 gesichert. Für den Fall eines Engpasses verfügt die Schweiz über Pflichtlager, die den nationalen Bedarf an Erdölprodukten für rund 4,5 Monate decken könnten. Diese Lager gehören den Unternehmen — der Bund entscheidet, wann sie freigegeben werden.

Ein wichtiger Punkt: Die Schweiz ist nicht Mitglied der Europäischen Union und damit nicht an die Energiesolidarität gebunden. Im Krisenfall muss sie ihre Reserven nicht mit anderen Ländern teilen — umgekehrt kann sie aber auch nicht auf europäische Solidarität zählen.

Die Entwicklung des Iran-Kriegs und des Zugangs zur Strasse von Hormus ist derzeit nicht absehbar. Die globale Versorgungslage bleibt angespannt — eine Normalisierung nach einem allfälligen Ende des Konflikts würde Monate dauern. 

Fazit

Die Schweiz ist bei Strom vergleichsweise stark aufgestellt — Wasserkraft und Kernenergie bilden ein stabiles Fundament. Beim Öl und Gas hingegen ist sie strukturell abhängig, und das wird sich kurzfristig nicht ändern. Der Iran-Krieg macht das deutlich sichtbar: nicht durch leere Tankstellen, sondern durch steigende Preise, die sich entlang der gesamten Wirtschaft fortpflanzen. Wer die Schweizer Energieversorgung wirklich versteht, begreift auch, warum die Diskussion über Elektrifizierung, Wärmepumpen und neue Kernkraft keine Ideologie ist — sondern schlicht eine Frage der Resilienz.