Wie sauber ist saubere Energie wirklich? Solar, Wind, Wasser und Atom im Vergleich
Solar, Wind, Wasser, Atom – alle gelten als «sauber». Aber stimmt das wirklich, wenn man Herstellung und Entsorgung mitdenkt? Ein kritischer Blick auf die Energieformen, die die Schweiz prägen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- „Sauber" bedeutet bei Energie meist: kein oder wenig CO2-Ausstoss im Betrieb — aber Herstellung und Entsorgung werden dabei oft ausgeklammert
- Solarenergie ist im Betrieb emissionsarm, aber Herstellung (grosse Teile in China, Kohlestrom), Lieferketten und Entsorgung werfen ungeklärte Fragen auf. Aktuell deckt Solar rund 15 Prozent des Schweizer Strombedarfs
- Windenergie liefert auch nachts Strom, hat aber Probleme mit Verfügbarkeit, Landschaftseingriff, Rotorblatt-Abfall und Auswirkungen auf Tiere und Anwohner
- Wasserkraft ist zuverlässiger und planbarer, greift aber in Ökosysteme ein — und viele der besten Schweizer Standorte sind bereits genutzt
- Atomkraft liefert stabilen Basisstrom mit kleinem Flächenbedarf, bringt aber Risiko, Atommüll und hohe Rückbaukosten
- Die Schweiz diskutiert aktuell, ob das AKW-Neubauverbot von 2017 aufgehoben werden soll; eine Volksabstimmung könnte 2027 oder 2028 stattfinden
- Die perfekte Energieform gibt es nicht. Jede hat ihren Rucksack.
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Das Wort fällt fast automatisch, sobald über Energie diskutiert wird: sauber. Es klingt nach keinen Nebenwirkungen, keinem Dreck, keinem Problem. Aber hat dieses Wort irgendjemand schon einmal sauber definiert?
Wer genauer hinschaut, stellt fest: „Sauber" meint in der energiepolitischen Debatte meistens vor allem eines — kein oder wenig CO2-Ausstoss im Betrieb. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Denn Strom aus der Steckdose entsteht nicht einfach aus dem Nichts. Rohstoffe müssen abgebaut werden, Anlagen produziert, transportiert, gewartet und irgendwann wieder entsorgt werden. Und der Strom muss genau dann ins Netz, wenn er gebraucht wird.
Wer all das mitdenkt, merkt schnell: „Sauber" ist kein so eindeutiger Begriff, wie er einem gerne verkauft wird.
Solarenergie: Sauber im Betrieb, komplizierter im Rest
Auf den ersten Blick wirkt Photovoltaik überzeugend. Im Betrieb entsteht kein direkter CO2-Ausstoss, Anlagen können auf bestehenden Dächern installiert werden, und die Technologie wird ständig günstiger. Aktuell liefert Solarenergie laut Branchenverband Swissolar bereits rund 15 Prozent des Schweizer Strombedarfs.
Aber das vollständige Bild ist weniger eindeutig.
Erstens: Solar liefert nur Strom, wenn die Sonne scheint. Laut dem Bundesamt für Energie (BFE) ist die Winterproduktion deutlich tiefer als im Sommer — genau dann, wenn der Bedarf hoch ist. Batteriespeicher können den Tages-Nacht-Ausgleich abfedern, für eine Überbrückung über Wochen oder den ganzen Winter reichen sie nach heutigem Stand nicht.
Zweitens: Bevor ein Solarpanel Strom produziert, muss es erst hergestellt werden. Dafür braucht es Silizium, Glas, Aluminium, Kupfer und Silber — und industrielle Prozesse, die über mehrere Länder verteilt sind. Ein grosser Teil dieser Wertschöpfung findet in China statt. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) stammt rund 60 Prozent des Stroms, der weltweit zur Herstellung von Solarpanels gebraucht wird, aus Kohlekraftwerken. Auch das gehört zur Vorgeschichte der angeblich sauberen Solarenergie.
Drittens: Auch am Ende der Lebensdauer ist die Geschichte nicht einfach abgeschlossen. In der Schweiz ist die Entsorgung von Solarmodulen seit 2022 verbindlich geregelt: Händler sind verpflichtet, Altmodule kostenlos zurückzunehmen; die Stiftung SENS eRecycling organisiert die Sammlung und Wiederverwertung, finanziert durch eine beim Kauf erhobene Recyclinggebühr. Laut Angaben der Branche können heute über 90 Prozent der Modulbestandteile nach Gewicht recycelt werden.
Trotzdem wächst das Problem: 2022 wurden in der Schweiz rund 50'000 Module mit einem Gewicht von einer Tausend Tonnen entsorgt — bis 2030 soll diese Menge laut Swissolar um das Zehnfache ansteigen. Und die aufwendige Rückgewinnung von Silber, Silizium und anderen Wertstoffen aus den Verbundmaterialien der Module bleibt technisch anspruchsvoll. Ein BBC-Bericht schätzte weltweit bis 2050 über 200 Millionen Tonnen Solarabfall — zum Vergleich: jährlich werden heute rund 400 Millionen Tonnen Plastik produziert.
Fazit zur Solarenergie: Sauber, solange man nur auf den Betrieb schaut. Sobald man Herstellung, Lieferwege und Entsorgung einbezieht, wird das Bild trüber.
Windenergie: Strom auch nachts, aber nicht ohne Preis
Windkraft hat gegenüber Solar einen klaren Vorteil: Der Wind kann auch nachts wehen und im Winter teilweise stärker sein als im Sommer. Deshalb gilt Windenergie oft als ideale Ergänzung zu Photovoltaik.
Doch auch hier lohnt sich ein genauerer Blick.
Wind ist nicht konstant verfügbar. Sogenannte Dunkelflauten — Perioden mit gleichzeitig wenig Wind und wenig Sonne — werden von Kritikern regelmässig als Schwachstelle des erneuerbaren Strommixes genannt. Dazu kommt: In der Schweiz ist das Windpotenzial im Durchschnitt tiefer als in klassischen Windregionen wie Küstengebieten oder Norddeutschland, was viele Anlagen mit tieferer Auslastung betreiben lässt (Suisse Eole, BFE).
Windräder sind riesig und stehen meistens an exponierten Orten — auf Hügelzügen, Alpenpässen oder in offener Landschaft. Für die einen ist das ein Symbol für Fortschritt, für die anderen ein massiver Eingriff ins Landschaftsbild. Für ein durchschnittliches Windrad werden laut einem Branchendokument rund 1'500 Kubikmeter Beton, 300 Tonnen Stahl, 4,7 Tonnen Kupfer sowie zwei Tonnen Seltene Erden benötigt.
Hinzu kommen Auswirkungen auf Tiere. In den USA führen Windräder laut Schätzungen zu 140'000 bis 328'000 Vogelverlusten pro Jahr, bei Fledermäusen liegt die Schätzung für Nordamerika sogar bei über 450'000 Tieren jährlich (Loss et al., 2013; USGS). Beim Lärm empfiehlt die WHO einen Grenzwert von unter 45 Dezibel — ein Wert, den viele bestehende Anlagen im Umfeld von Wohnsiedlungen nicht immer einhalten.
Am Ende der Lebensdauer von rund 20 bis 25 Jahren folgt der Rückbau. Während Stahl und Beton gut recycelt werden können, bleiben die Rotorblätter ein ungelöstes Problem: Sie bestehen aus fest verbundenen Glasfasern, Carbonfasern und Kunstharzen, die kein sauberes Recycling erlauben. Vieles wird zerkleinert, verbrannt oder minderwertig weiterverwendet.
Wasserkraft: Bewährt, aber nicht ohne Nebenwirkungen
Wasserkraft geniesst in der Schweiz zu Recht einen guten Ruf. Sie liefert deutlich gleichmässigeren und besser planbaren Strom als Solar oder Wind — Stauseen speichern Wasser und geben es bei Bedarf frei, Laufkraftwerke produzieren relativ kontinuierlich.
Aktuell machen laut Lowcarbonpower.org Wasserkraft rund 56 Prozent des Schweizer Strommixes aus — damit ist sie das eigentliche Rückgrat der Schweizer Stromversorgung.
Doch auch hier gibt es Schattenseiten. Staudämme verändern den natürlichen Verlauf von Gewässern, fluten Täler und beeinflussen ganze Ökosysteme. Fischwanderungen werden unterbrochen oder erschwert, und die Frage des sogenannten Restwassers — wie viel Wasser nach einem Kraftwerk noch im natürlichen Flussbett verbleibt — ist gesetzlich geregelt, aber in der Praxis ein Dauerthema (BAFU).
Viele der besten Schweizer Standorte sind bereits genutzt. Neuprojekte stossen deshalb regelmässig auf Konflikte zwischen Energieproduktion und Natur- sowie Landschaftsschutz. Beim Bau sind grosse Mengen Beton und Stahl nötig — doch die Langlebigkeit der Anlagen relativiert diesen Aufwand: Die ältesten Wasserkraftwerke im Grimselgebiet sind rund 100 Jahre alt und werden laufend modernisiert.
In Sachen Auslandsabhängigkeit schneidet Wasserkraft besser ab als andere Energieformen: Die Energiequelle selbst — das Wasser — ist heimisch. Spezialkomponenten kommen zwar teilweise aus dem Ausland, aber das Fundament liegt in der Schweiz.
Atomkraft: Stabiler Strom, langer Schatten
Atomkraft liefert rund um die Uhr nahezu konstanten Strom — unabhängig von Sonnenstand, Windstärke oder Niederschlag. Mit einem Anteil von rund 27 Prozent am Schweizer Strommix (2025) ist sie neben der Wasserkraft die zweite tragende Säule der Versorgung. Beim Flächenbedarf ist Atomkraft ausserordentlich effizient: Eine ETH-Professorin rechnet vor, dass ein einziges neues Kernkraftwerk so viel Energie liefert wie 500 grosse alpine Solaranlagen.
Im Betrieb entsteht kein direkter CO2-Ausstoss. Legt man denselben Massstab wie bei Solar oder Wind an, müsste man Atomkraft nach dieser Logik ebenfalls als „sauber" bezeichnen.
Aber der Rucksack ist auch bei der Atomkraft schwer.
Das bekannteste Risiko: Schwere Unfälle passieren selten, aber wenn sie passieren, sind die Folgen für Mensch und Umwelt gravierend. Neuere Reaktorkonzepte — darunter sogenannte Small Modular Reactors (SMR) — gelten als sicherer. Gemäss der Nuclear Energy Agency (NEA) waren Stand 2025 erst drei solcher Reaktoren weltweit im Einsatz: je einer in China, Russland und Japan. Von über 80 bekannten Konzepten befanden sich laut der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nur vier in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium.
Der radioaktive Abfall bleibt das zentrale ungelöste Problem: Wohin mit Material, das über sehr lange Zeiträume gefährlich bleibt? In der Schweiz existieren dafür eigene Fonds (STENFO), ob die Rückstellungen am Ende ausreichen, ist aber eine offene Frage — faulen Betreiber aus, würde laut ENSI der Steuerzahler einspringen.
Schliesslich ist auch Uran kein Schweizer Rohstoff: Die Schweiz hat weder eigene Uranminen noch Anlagen zur Brennelementfertigung und ist vollständig auf Auslandslieferungen angewiesen.
Aktuell ist die Debatte über die Zukunft der Schweizer Atomkraft voll entfacht. Der Bundesrat will das 2017 beschlossene AKW-Neubauverbot aufheben und dem Parlament einen indirekten Gegenvorschlag zur «Blackout-Initiative» vorlegen; eine Volksabstimmung könnte 2027 oder 2028 stattfinden. Die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT) hält in einem Bericht von 2025 fest, dass ein neues Kernkraftwerk frühestens 2050 fertiggestellt werden könnte.
Geothermie, Biomasse und der Rest
Neben den vier grossen Energieformen gibt es weitere, die oft als sauber bezeichnet werden — für die Schweizer Stromversorgung spielen sie aber aktuell kaum eine Rolle.
Geothermie hat grundsätzlich das Potenzial, rund um die Uhr Strom und Wärme zu liefern (IEA). In der Schweiz gibt es derzeit aber keine Stromproduktion aus Geothermie, unter anderem wegen geologischer Unsicherheiten bei tiefen Bohrungen.
Biomasse — also Energie aus Holz, Abfällen oder Pflanzen — wird vom BFE als wichtiger Baustein bezeichnet, ist aber eine begrenzte Ressource und eignet sich kaum als Grundversorgung. Auch hier gilt: Im Betrieb mag es nach Bio klingen, aber ob als Ausgangsmaterial Reststoffe oder extra produziertes Material genutzt wird, macht einen grossen Unterschied.
Auch bei Geothermie (tiefe Bohrungen, Eingriffe in Untergrund und Grundwasser) und Biomasse gilt: So einfach nur sauber und ohne Nebenwirkungen ist auch das nicht.
Gibt es die perfekte Energieform?
Verschiedene Analysen — darunter die Axpo Energy Reports 2026, der IEA-Länderbericht Schweiz 2023 sowie ETH-Stresstests für das Schweizer Stromsystem — zeichnen ein ähnliches Bild: Die perfekte Energieform gibt es nicht. Jede hat Kompromisse.
Als gemeinsamer Nenner aller realistischen Szenarien gilt die Wasserkraft als unverzichtbares Rückgrat. Darüber hinaus skizzieren die Analysen zwei mögliche Wege.
Der erste Weg setzt ohne neue Atomkraft auf massiv mehr Photovoltaik und Windkraft, ergänzt durch Gaskraftwerke zur Überbrückung von Engpässen im Winter sowie weiterhin auf Stromimporte.
Der zweite Weg schließt neue Kernkraftwerke ein. Laut Axpo-Berechnungen könnten zwei neue AKW vom Typ AP1000 den Bedarf an neuen Solaranlagen um rund 35 Prozent reduzieren, den Bedarf an neuer Windkraft um rund 57 Prozent und den Bedarf an neuen Gaskraftwerken um rund 67 Prozent. Auch bei dieser Option bleiben Stromimporte wichtig.
Welcher Weg der bessere ist — oder welcher besser zur Schweiz passt — ist eine politische Frage, die letztlich die Stimmbevölkerung beantwortet.
Fazit
„Sauber" klingt gut. Aber als Massstab für Energie taugt das Wort wenig. Wer nicht nur den Betrieb, sondern auch Herstellung, Lieferwege, Entsorgung und Versorgungssicherheit mitdenkt, kommt bei jeder Energieform auf Kompromisse. Solar, Wind, Wasser und Atom haben alle ihren Rucksack. Die ehrliche Frage lautet deshalb nicht: „Welche Energie ist sauber?" — sondern: „Welche Kombination passt am besten zur Schweiz, und welche Kompromisse sind wir bereit zu tragen?"