Wer kontrolliert die Schweizer Medien? Ein Blick hinter die Kulissen
Hinter Dutzenden Zeitungstiteln stecken nur wenige Verlage. Und fast alle internationalen Nachrichten kommen aus denselben vier Quellen. Ein Blick auf die Struktur des Schweizer Mediensystems.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Drei Grossverlage dominieren den Schweizer Medienmarkt: TX Group (früher Tamedia), Ringier und CH Media— zusammen halten sie laut Medienmonitor Schweiz rund 74,6 Prozent der Meinungsmacht in der Deutschschweiz
- Beim Radio und Fernsehen gibt es mit der SRG praktisch nur einen grossen nationalen Anbieter
- Fast alle internationalen Nachrichten in Schweizer Medien kommen von vier Agenturen: Reuters, Associated Press (AP), Agence France-Presse (AFP) und Deutsche Presse-Agentur (DPA)
- Die Schweizerische Depescheagentur (SDA) hat ihren Auslandsdienst 2020 an die DPA abgegeben — seither kommen auch ihre internationalen Inhalte aus Deutschland
- Der Schweizer Presserat hat festgehalten: Ein Journalist verletzt keine berufsethischen Pflichten, wenn er Agenturmeldungen ohne eigene Nachprüfung übernimmt
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Wer jeden Tag Zeitung liest, Tagesschau schaut und im 20 Minuten blättert, hat das Gefühl, breit informiert zu sein. Verschiedene Quellen, verschiedene Perspektiven. Aber ein genauerer Blick auf die Struktur des Schweizer Mediensystems zeigt: Die vermeintliche Vielfalt ist kleiner, als sie aussieht.
Wenige Verlage, viele Titel
Hinter der Vielzahl von Zeitungsnamen stecken in der Schweiz nur wenige Eigentümer.
Die TX Group — früher unter dem Namen Tamedia bekannt — vereint unter ihrem Dach den Tages-Anzeiger, 20 Minuten (bis Ende 2025 auch als Printausgabe), das Thuner Tagblatt, den Bund, die Berner Zeitung und die Basler Zeitung. Der Ringier Verlag kontrolliert den Blick, den SonntagsBlick und die Schweizer Illustrierte. Die CH Media AG— ein Gemeinschaftsunternehmen, das ursprünglich von der NZZ-Mediengruppe und AZ Medien gegründet wurde und mittlerweile vollständig der Familie Wanner gehört — betreibt unter anderem die Luzerner Zeitung, das St. Galler Tagblatt, die Aargauer Zeitung und die Solothurner Zeitung. Die NZZ selbst bleibt ausserhalb von CH Media.
Beim Fernsehen und Radio dominiert die SRG als einziger grosser nationaler Anbieter. Laut dem Medienmonitor Schweiz kontrollierten TX Group, SRG und CH Media zuletzt zusammen rund 74,6 Prozent der Meinungsmacht in der Deutschschweiz. LEADER Digital
Die Konzentration zeigt sich auch inhaltlich: Artikel, die in mehreren Zeitungen des gleichen Verlags gleichzeitig erscheinen, nehmen zu. Bei TX Group und CH Media war laut Untersuchungen des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) bereits jeder vierte bis fünfte redaktionelle Beitrag in mindestens zwei Titeln identisch — Tendenz steigend.
Vier Agenturen beliefern die ganze Welt
Das eigentlich Entscheidende passiert aber nicht auf der Ebene der Verlage, sondern auf der Ebene der Nachrichtenagenturen.
Die meisten Schweizer Medien unterhalten keine eigenen Auslandskorrespondenten mehr — oder nur noch sehr wenige. Was über die Welt berichtet wird, kommt in der Regel von vier internationalen Agenturen: Reuters in London, Associated Press (AP) in New York, Agence France-Presse (AFP) in Paris und der Deutschen Presse-Agentur (DPA)in Hamburg. Diese vier Organisationen beliefern Medien auf der ganzen Welt. Ihre Meldungen werden von Redaktionen oft direkt übernommen — ohne eigene Nachrecherche, ohne zusätzliche Quellen.
Auch die Schweizerische Depescheagentur (SDA), die wichtigste nationale Nachrichtenagentur der Schweiz mit rund 150 Mitarbeitenden, ist in dieses System eingebunden. Sie gehört den grossen Schweizer Medienhäusern — TX Group, NZZ-Mediengruppe, Ringier und SRG — und hat ihren Auslandsdienst im Jahr 2020 an die DPA abgegeben. Seither stammen die deutschsprachigen internationalen Inhalte der SDA direkt aus Deutschland, ergänzt durch Material der drei anderen grossen Agenturen.
Das bedeutet: Wer in der Schweiz internationale Nachrichten liest — egal ob in der NZZ, im Blick oder auf dem SRF — liest in vielen Fällen Inhalte aus denselben Quellen.
Was der Presserat dazu sagt
Die rechtliche und ethische Einordnung dieser Praxis ist eindeutig — und gibt zu denken.
Der Schweizer Presserat hat bereits 1992 in einem Beschwerdefall entschieden: Ein Journalist verletzt keine berufsethischen Pflichten, wenn er Meldungen von etablierten Nachrichtenagenturen übernimmt, ohne deren Richtigkeit selbst nachzuprüfen. Dieselbe Logik findet sich im Ratgeber «So arbeiten Journalisten fair»: Agenturmeldungen anerkannter Agenturen dürfen ohne eigene Überprüfung als korrekt behandelt werden.
Auch die SRG-Ombudsstelle wies eine Beschwerde ab, die dem SRF einseitige Nahostberichterstattung vorwarf — mit der Begründung, SRF beziehe seine Inhalte von Agenturen wie AP und berichte damit ausgewogen.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Solange Redaktionen bei anerkannten Agenturen einkaufen, sind sie rechtlich und ethisch auf der sicheren Seite — unabhängig davon, wie diese Agenturen ihre eigenen Inhalte produzieren und welche Perspektiven sie dabei einnehmen oder weglassen.
Stellenabbau und weniger Vielfalt
Die Entwicklung geht weiter. Die SRG baut bis 2029 rund 900 Vollzeitstellen ab, weil der Bundesrat die Rundfunkgebühren reduziert hat und die kommerziellen Einnahmen zurückgehen. Die gedruckte Ausgabe von 20 Minuten wurde Ende 2025 eingestellt, mehrere Regionalbüros wurden geschlossen. CH Media übernahm Anfang 2025 das eigenständige Zofinger Tagblatt. Der Trend zur Konzentration setzt sich fort.
Fazit
Die Schweizer Medienlandschaft wirkt von aussen vielfältig — viele Zeitungstitel, mehrere Sender, unterschiedliche Marken. Von innen sieht es anders aus: Wenige Verlage kontrollieren viele Titel, und die internationalen Inhalte kommen fast überall aus denselben vier Quellen. Das ist kein Vorwurf an einzelne Journalistinnen oder Journalisten — es ist die Beschreibung einer Struktur, die sich über Jahre entwickelt hat und die man kennen sollte, wenn man Nachrichten einordnen will. Wer beim Lesen eines Artikels das Kürzel «AP», «AFP», «RTR» oder «dpa» entdeckt, weiss jetzt, woher die Geschichte wirklich kommt.